Ratgeber

Orthorexie: Wenn gesundes Essen zum Zwang wird

Orthorexie beschreibt eine starke, zwanghafte Beschäftigung mit gesundem Essen: Betroffene folgen strengen selbst gesetzten Regeln, haben Angst vor "ungesunden" Lebensmitteln und schränken ihre Auswahl immer weiter ein. Als Diagnose steht sie weder in der ICD-11 noch im DSM-5, Fachleute haben 2022 aber gemeinsame Kriterien vorgeschlagen. Wenn dich deine Regeln ängstigen, isolieren oder körperlich schwächen, ist das ein Grund, mit Fachleuten zu sprechen.

Orthorexie, ausgeschrieben Orthorexia nervosa, bezeichnet eine zwanghafte Fixierung auf gesundes Essen. Wer betroffen ist, denkt ständig über die richtige Ernährung nach, stellt sich starre Regeln auf und fürchtet, durch "ungesunde" Lebensmittel krank zu werden [1]. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern für "richtig" und "Appetit" zusammen [1]. Geprägt hat ihn der US-Arzt Steven Bratman 1997, als Hinweis auf eine mögliche neue Essstörung [2]. Dieser Ratgeber beschreibt, woran man Orthorexie erkennt, wie sie sich von verwandten Störungen unterscheidet und wo du Hilfe bekommst. Wie stark deine eigenen Ernährungsregeln deinen Alltag bestimmen, kannst du im Orthorexie-Check einschätzen.

Was Orthorexie ausmacht

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) beschreibt die Orthorexie so: Betroffene beschäftigen sich ständig mit gesunder Ernährung, stellen sich strenge Regeln auf und entwickeln zwanghafte Rituale beim Essen und bei der Zubereitung. Was gesund ist und was nicht, legen sie nach eigenen, oft stark ideologisch geprägten Vorstellungen fest [1]. Die Lebensmittelauswahl kann dabei durchaus den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) entsprechen. Sie kann aber auch einseitig und gesundheitlich bedenklich werden [1]. Was die DGE tatsächlich empfiehlt und wie viel Spielraum diese Empfehlungen lassen, erklärt der Ratgeber Die Ernährungsempfehlungen der DGE.

Frau in den Dreißigern sortiert am Morgen Gemüse und Körner sorgfältig in gleich große Schälchen
Bild: KI-generiert

Eine internationale Gruppe von 47 Fachleuten für Essstörungen hat 2022 in einem mehrstufigen Abstimmungsverfahren erstmals eine gemeinsame Beschreibung erarbeitet. Danach ist Orthorexie gekennzeichnet durch eine starke Beschäftigung mit dem eigenen Essverhalten und mit selbst auferlegten, starren Regeln, die streng kontrolliert werden. Dazu gehört, dass Planen, Besorgen, Zubereiten oder Essen der Mahlzeiten übermäßig viel Zeit kostet [3]. Was als "gesund" gilt, folgt einer Ernährungstheorie, deren Inhalt von Person zu Person verschieden ist. Betroffene nennen gute Lebensmittel oft rein, sauber, natürlich oder sicher, schlechte dagegen verarbeitet, behandelt oder giftig [3].

Die Fachleute beschreiben auch, wie sich das anfühlt. Wer betroffen ist, gerät unter Druck und Angst, wenn er mit Essen konfrontiert wird, das er für ungesund hält. Hinzu kommen Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration, wenn sich die Gedanken den ganzen Tag ums Essen drehen, und Schuldgefühle, wenn es nicht gelingt, gesund zu essen. Ob jemand seine Regeln einhält, bestimmt in hohem Maß, wie er sich selbst bewertet [3]. Nach dem Vorschlag sollen die Beschwerden mindestens sechs Monate bestehen. Bei einer schweren Beeinträchtigung der Gesundheit oder des Alltags reichen drei Monate [3].

Ist Orthorexie eine Krankheit?

Eine anerkannte Diagnose ist Orthorexie bisher nicht. Sie steht weder in der internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-11 noch im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5-TR [3]. Das BIÖG schreibt, es sei bislang nicht geklärt, ob es sich um eine Essstörung handelt oder um einen besonders aufwendigen Lebensstil [1]. Auf seinem Portal führt es die Orthorexia nervosa im Abschnitt "Weitere Essstörungen" auf [4].

Die Fachleute der Konsensgruppe von 2022 sehen das deutlicher. Über 93 Prozent von ihnen stimmten der Aussage zu, dass Orthorexie eine psychische Störung ist, die mit geringerem Wohlbefinden einhergeht und zu den Fütter- und Essstörungen gehört [3]. Die Autorinnen und Autoren stufen ihre Arbeit aber selbst auf der untersten Evidenzstufe ein, als Meinung eines Expertengremiums, und schreiben, dass die Kriterien erst noch an Betroffenen geprüft werden müssen [3]. Bereits 2016 hatten Thomas Dunn und Steven Bratman Kriterien vorgeschlagen. Eine Übersichtsarbeit fasst sie so zusammen: zwanghafte Essgewohnheiten, Angst bei Regelbrüchen und daraufhin noch strengere Einschränkungen, außerdem Folgen wie Mangelernährung, sozialer Rückzug, ein gestörtes Körperbild und geringes Selbstwertgefühl [2].

Gesunde Ernährung oder Zwang?

Gesund essen zu wollen, ist kein Warnzeichen. Die Konsensgruppe hält ausdrücklich fest, dass eine Vorliebe für gesundes oder "reines" Essen zwar Voraussetzung für Orthorexie ist, für sich allein aber nicht ausreicht, weil solche Vorsätze sehr verschieden umgesetzt werden und meist nicht schaden [3]. Einige Forschende unterscheiden deshalb zwischen Orthorexie und einer "gesunden Orthorexie", also einem unproblematischen Interesse an gesunder Ernährung [3]. Auch in der Übersichtsarbeit von 2021 wird Orthorexie als Spektrum beschrieben, das von gesundem Essen bis zur krankhaften Fixierung reicht [2].

Den Unterschied machen die Folgen. Nach dem Vorschlag von 2022 gehört zur Orthorexie, dass das Essverhalten zu einer unausgewogenen Ernährung führt, die körperliche und seelische Gesundheit und die Lebensqualität beeinträchtigt. Gefühle wie Schuld nach "falschem" Essen, Konzentrationsprobleme oder sozialer Rückzug wirken sich auf Schule, Beruf oder Freundschaften aus, und der hohe Zeitaufwand für Lesen, Einkaufen und Kochen geht zulasten anderer wichtiger Lebensbereiche [3]. Typisch ist außerdem, dass Betroffene sich weniger über die Regeln selbst beklagen als über die Folgen, wenn sie eine Regel brechen. Eine geringe Krankheitseinsicht ist besonders am Anfang häufig [3].

Aus den Merkmalen oben lassen sich ein paar Fragen ableiten, die beim Einordnen helfen. Sie ersetzen keine fachliche Einschätzung. Kannst du eine Einladung zum Essen annehmen, ohne vorher zu wissen, was auf den Tisch kommt? Bringt dich eine Ausnahme tagelang aus dem Gleichgewicht? Wird die Liste der Lebensmittel, die du dir erlaubst, mit der Zeit immer kürzer? Wenn du solche Fragen eher mit Unbehagen beantwortest, lohnt sich ein genauerer Blick.

Wichtig ist der Blick auf Ernährungsformen, die Menschen aus anderen Gründen wählen. Eine Ernährung, die eine Ärztin oder ein Arzt etwa wegen einer Allergie oder Nierenerkrankung verordnet hat, zählt nach dem Vorschlag nicht als Orthorexie, solange die Einschränkung nicht deutlich über den ärztlichen Rat hinausgeht. Auch eine Auswahl aus Geldmangel, aus religiösen oder kulturellen Gründen oder aus persönlichen Werten ist ausgenommen [3]. Die Fachleute fanden zwar einen Zusammenhang zwischen orthorektischen Zügen und vegetarischer oder veganer Ernährung, schreiben aber ausdrücklich, dass diese Ernährungsweisen nicht mit einer krankhaften Fixierung verwechselt werden dürfen. Der Zusammenhang betreffe Menschen, die aus Gesundheits- oder Aussehensgründen so essen, weniger jene, denen es um das Tierwohl geht [3].

Abgrenzung zu Magersucht, Zwangsstörung und ARFID

Orthorexie überschneidet sich mit mehreren anerkannten Störungen. Die Konsensgruppe hat die wichtigsten Unterschiede festgehalten. Die Tabelle fasst sie zusammen.

StörungWas sie von Orthorexie unterscheidetBeleg
Magersucht (Anorexia nervosa)Ziel ist, Gewicht zu verlieren oder zu halten, der Selbstwert hängt an Gewicht und Figur. Bei Orthorexie ist das Ziel, so gesund wie möglich zu sein, und das Aussehen steht nicht im Mittelpunkt.[1, 3]
ZwangsstörungZwangsgedanken können viele Themen betreffen und werden als fremd und unerwünscht erlebt. Bei Orthorexie drehen sich die Gedanken nur um Essen und Gesundheit, und Betroffene halten sie für richtig.[2, 3]
Vermeidend-restriktive Ernährungsstörung (ARFID)Die Einschränkung folgt aus einer schlechten Erfahrung wie Verschlucken, aus fehlendem Interesse am Essen oder aus Abneigung gegen Farbe, Geschmack oder Beschaffenheit. Bei Orthorexie geht es um die Sorge, ob ein Lebensmittel gesund ist.[3]

Die Grenze zur Magersucht ist am schwierigsten zu ziehen. Beide teilen den Hang zur Perfektion, viel Angst und ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle [2]. Die Konsensgruppe beschreibt, dass Orthorexie einer anderen Essstörung vorausgehen, neben ihr bestehen oder auf sie folgen kann. Neben einer anderen Essstörung kann sie etwa eine gesellschaftlich eher akzeptierte Form sein, diese auszuleben [3]. Wenn sich deine Gedanken vor allem um Gewicht und Figur drehen, findest du im Ratgeber Magersucht: Anzeichen erkennen die passenden Warnzeichen. Wie Zwangsgedanken allgemein entstehen und behandelt werden, beschreibt der Ratgeber Zwangsstörung.

Wie häufig ist Orthorexie?

Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Eine Übersichtsarbeit von 2021 hat die Studien der Jahre 2004 bis 2020 ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die Ergebnisse vor allem vom Fragebogen und vom gewählten Grenzwert abhängen [2]. Mit dem verbreiteten italienischen Fragebogen ORTO-15 schwanken die Anteile in der Allgemeinbevölkerung zwischen 6,9 und 75,2 Prozent, mit der Düsseldorfer Orthorexie-Skala zwischen 2,5 und 10,5 Prozent bei Studierenden [2]. Die Autoren halten die Zahlen aus dem ORTO-15 für deutlich überschätzt und raten davon ab, ihn weiter zu verwenden [2].

Eine Prüfung der deutschen Fassung des ORTO-15 an 1.029 deutschsprachigen Erwachsenen kam zum selben Ergebnis. Das ursprüngliche Modell passte nicht zu den Daten, und mit einer gekürzten Fassung galten 69,1 Prozent der Teilnehmenden als auffällig. Die Teilnehmenden wurden über soziale Medien und E-Mail-Verteiler gewonnen, knapp drei Viertel waren Frauen. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, die Nutzung des Fragebogens von Grund auf neu zu überdenken [5].

Wer häufiger betroffen ist

Obwohl die Belege nicht einheitlich sind, nennt die Konsensgruppe mehrere Merkmale, die mit Orthorexie zusammenhängen. Dazu gehören Leistungssport und sehr viel Bewegung, frühere Essstörungen oder andere psychische Erkrankungen wie eine Zwangsstörung, Ängste und depressive Beschwerden, Perfektionismus und ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle, ein großer Einfluss von sozialen Medien und Internetseiten zu Essen und Aussehen sowie Studium oder Beruf im Bereich Ernährung [3]. Fachleute aus der Ernährungsberatung und Studierende dieser Fächer erreichten in mehreren Studien hohe Werte [2].

Orthorexie kann auch aus einer verordneten Diät entstehen. Wer wegen einer chronischen Krankheit, einer Allergie oder einer Unverträglichkeit auf bestimmte Lebensmittel verzichten muss, kann strenge Regeln als Weg erleben, wieder Kontrolle zu gewinnen [3]. Die Fachleute weisen zudem darauf hin, dass soziale Medien, Fitness-Influencer und Ratgeber ohne Fachwissen Ernährungsregeln und falsche Theorien verbreiten können, die für gefährdete Menschen zum Auslöser werden [3].

Mögliche Folgen

Je mehr Lebensmittel wegfallen, desto größer wird das Risiko, dass dem Körper etwas fehlt. Die Konsensgruppe nennt Nährstoffmängel wie Blutarmut, starken Gewichtsverlust, allgemeine oder einseitige Mangelernährung und hormonelle Störungen als mögliche Folgen [3]. Wie sich das Gewicht entwickelt, ist allerdings uneinheitlich: Manche Studien fanden bei stärkeren orthorektischen Zügen ein niedrigeres Gewicht, andere ein höheres oder gar keinen Zusammenhang [3]. Ein normales Gewicht schließt Orthorexie deshalb nicht aus.

Mann in den Dreißigern steht bei einer Gartenfeier mit einem Glas Wasser etwas abseits der Gruppe
Bild: KI-generiert

Hinzu kommen die seelischen und sozialen Folgen. Gemeinsame Mahlzeiten werden zur Belastung, Einladungen werden abgesagt, und der Alltag richtet sich nach dem Essen [3]. Die Fachleute beschreiben außerdem, dass manche Betroffene ihre Regeln auf Kinder übertragen, die sie versorgen, und dass das gefährlich werden kann [3].

Behandlung und Hilfe

Studien zur Behandlung der Orthorexie fehlen bisher fast vollständig. Die Konsensgruppe nennt genau das als einen Grund, warum gemeinsame Kriterien nötig sind [3]. Weil das BIÖG die Orthorexie unter den weiteren Essstörungen führt [4], sind die Anlaufstellen dieselben wie bei anderen Essstörungen. Diagnostizieren dürfen eine Essstörung in Deutschland Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie oder für Psychosomatische Medizin sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Erfahrung bei Essstörungen. Eine Überweisung brauchst du dafür nicht. Die Hausarztpraxis kann einen ersten Verdacht äußern und bei Bedarf weiterüberweisen [6].

Frau in den Dreißigern spricht in einem hellen Beratungsraum mit einem Berater, auf dem Tisch steht Tee
Bild: KI-generiert

Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, hilft die Telefonberatung Essstörungen des BIÖG. Sie ist für Betroffene, Angehörige und alle anderen mit Fragen zu Essstörungen da, vertraulich und auf Wunsch anonym, und nennt dir Anlaufstellen in deiner Nähe [7]. Nummer und Zeiten stehen auf unserer Seite Hilfe finden. Machst du dir Sorgen um einen Menschen in deiner Nähe, findest du im Ratgeber Essstörung bei Angehörigen ansprechen Hinweise für ein erstes Gespräch.

  1. Behörde Glossar: Orthorexia nervosa. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), essstoerungen.bioeg.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  2. Studie Prevalence of Orthorexia Nervosa and Its Diagnostic Tools: A Literature Review. International Journal of Environmental Research and Public Health 18(10): 5488. Niedzielski A, Kaźmierczak-Wojtaś N. Stand 2021. abgerufen am 28.10.2026
  3. Studie A consensus document on definition and diagnostic criteria for orthorexia nervosa. Eating and Weight Disorders 27, S. 3695 bis 3711. Donini LM, Barrada JR, Barthels F, Dunn TM u. a.. Stand 27.11.2022. abgerufen am 28.10.2026
  4. Behörde Misch- und Sonderformen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), essstoerungen.bioeg.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  5. Studie When Eating Right, Is Measured Wrong! A Validation and Critical Examination of the ORTO-15 Questionnaire in German. PLoS ONE 10(8): e0135772. Missbach B, Hinterbuchinger B, Dreiseitl V, Zellhofer S, Kurz C, König J. Stand 17.08.2015. abgerufen am 28.10.2026
  6. Behörde Wer stellt die Diagnose?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), essstoerungen.bioeg.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  7. Behörde Telefonberatung. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), essstoerungen.bioeg.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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